Zeitzeugen berichteten aus Kriegstagen

Zeitzeugen berichteten aus Kriegstagen

Museumsvereins-Obfrau Veronika Spielbichler mit ZeitzeugInnen – Ing. Martin Mey (m.) und Prof. Friedrich Madersbacher (r.). (Text und Foto: Veronika Spielbichler)

Unter dem Motto „Jugend im Krieg“ veranstaltete der Heimatmuseumsverein zum Auftakt der sommerlichen Museums-Saison am 31. Mai 2019 erstmals ein Zeitzeugengespräch, bei dem Wörgler ihre Erinnerungen an die Zeit rund um den Zweiten Weltkrieg und die Besatzungszeit schilderten. Aufgrund der strategisch wichtigen Verkehrslage war Wörgl wiederholt bombardiert worden.

Als Zeitzeugen nahmen Ing. Martin Mey, der die Idee zum Abend hatte, und Prof. Friedrich Madersbacher am Podium bei Museumsvereinsobfrau Veronika Spielbichler Platz, die den Abend moderierte. Ein vierter freier Sessel stand bereit für Menschen, die spontan ihre Erinnerungen an diese Zeit dem Publikum mitteilten. Wie Museumsführer Hans Gwiggner, der im Wörgler Heimatbuch u.a. einen ausführlichen Beitrag über den Bombenkrieg verfasst hat. Aus dem Publikum meldeten sich Elisabeth Osl mit eigenen Erinnerungen und Astrid Pecherstorfer mit Erzählungen ihrer Oma zu Wort. Mit historischen Fotos entführte Franz Bode, Gestalter der Website www.heimat.woergl.at, in die Zeit der 1930er bis 1950er Jahre. Zur Dokumentation des Erzählten war Andy Winderl vom Tonstudio Noise and Harmony mit dem Aufnahmegerät im Einsatz.

Zu den ausgestellten Exponaten im Heimatmuseum zählt ein Kochbuch aus dem Elsass. Es zeugt davon, dass die Wörgler Bevölkerung seit dem Bau der Eisenbahn im 19. Jahrhundert von Zuzug geprägt ist. Auf der Suche nach deutsch- und französischsprachigen Mitarbeitern wurde Martin Mey´s Urgroßvater von den französischen Besitzern der Zellulosefabrik aus dem Elsass nach Wörgl geholt und ließ sich hier mit seiner Familie nieder. Als Martin Mey 1935 zur Welt kam, lebte er mit Bruder und Eltern zunächst unweit der Zellulosefabrik (heute Egger-Werk) neben dem damals dort situierten Bahnhof in einer Villa, die zur Fabrik gehörte. „Mein Vater ahnte, dass Krieg kommt und wollte dort weg. Er baute unser Haus in der heutigen Adolf Pichler-Straße, das wir 1939 bezogen“, erzählte Mey. Die Befürchtungen seines Vaters trafen ein – das Darblay-Haus wurde bei der Bombardierung völlig zerstört.

Friedrich Madersbacher, Jahrgang 1932, stammt aus Reith i.A. und kam als Vierjähriger nach Kirchbichl, wo er seine Schulzeit verbrachte. Beide erlebten die Kriegszeit mit den verheerenden Luftangriffen am 22. und 23. Februar 1945 auf Wörgl hautnah mit, bei denen am 22. Februar 36 Menschen und am 23. Februar 11 Menschen starben und das Wörgler Zentrum entlang der Bundesstraße sowie das gesamte Bahnhofsgelände bombardiert wurden. Zerstört wurde dabei nicht nur die Verkehrs-Infrastruktur: 43 Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht, über 60 weitere erheblich beschädigt.

Nicht immer blieb nach dem Fliegeralarm durch die Sirenen genügend Zeit, um in die Luftschutzstollen zu fliehen. Martin Mey erinnert sich an bange Stunden beim ersten Luftangriff im Keller des eigenen Hauses. Tags darauf erfolgte die Warnung rechtzeitig – der Großteil der Wörgler Bevölkerung floh aus der Stadt in die Stollen am Fuß der Möslalm, weshalb bei der zweiten, wesentlich intensiveren Bombardierung weniger Menschen starben.

Kinder begegneten dem Krieg arglos, auch spielerisch. Mit oftmals fatalen Folgen, wie sich Friedl Madersbacher erinnert. Todesfälle und schwerste Verletzungen nach Hantieren mit Schwarzpulver oder gefundener Munition waren die Folge – Kinder, die auf Tellerminen traten oder sich beim Ausprobieren von Handgranaten selbst in die Luft sprengten. Doch in diesen vom Tod am Schlachtfeld dominierten Tagen sei das zur Kenntnis genommen worden, ohne großes Aufsehen zu verursachen.

Die menschenverachtende Brutalität des NS-Regimes bekamen auch Kinder mit. So erinnert sich Friedl Madersbacher daran, dass sie den gut bewachten Zwangsarbeitern Essen zusteckten und sah 1940 die beiden erhängten polnischen Zwangsarbeiter aus dem Lager in Kastengstatt, deren Verbrechen es war, zwei Tiroler Frauen zu lieben. Diese wurden für die „Rassenschande“ mit Konzentrationslager bestraft. Kinder und Jugendliche wurden in die NS-Jugendorganisationen rekrutiert, um sie für die NS-Ideologie zu begeistern. Lagerfeuer, Fackelwanderung, Gemeinschaftserlebnisse. Zweifel und Abkehr kamen durch Erlebnisse wie den brutalen Umgang mit Gefangenen, aber auch mit den Kindern selbst, wie sich Madersbacher erinnert. Als nach der Bombardierung Wörgls noch tagelang ein Munitionszug brannte und immer wieder detonierte, wurden die „Bimpf“ losgeschickt, in den umliegenden Feldern die Bombenkrater mit Steinen zu befüllen.

Essen betteln während des Krieges und dann Vorräte der Besatzer plündern – diese Erlebnisse haben sich in Martin Mey´s Gedächtnis eingebrannt. Essensmarken und der eigene Garten, in dem Hasen und Hühner gehalten wurden, reichten nicht aus, um den Hunger zu stillen. Nach Kriegsende quartierten sich erst die Amerikaner, dann die Franzosen in Wörgl ein, die bis 1955 hier stationiert waren. Das Haus der Familie Mey wurde kurzfristig als Soldatenquartier beschlagnahmt, die Familie fand Unterschlupf bei Verwandten. Wie viele andere Kinder und Jugendliche beteiligte sich auch Martin an den Diebeszügen, wurde erwischt und verhört. „Die Amis waren damit überfordert und wussten nicht, was sie mit uns anfangen sollten“, erinnert sich Mey. Und so blieb es nach der erfolglosen Rückholaktion nur bei der Androhung durch den damaligen Bürgermeister, den Hintern „versohlt“ zu bekommen.

Da Martins Vater in guter Familientradition perfekt Französisch sprach, war er immer wieder als Dolmetscher im Einsatz. Und das brachte Martin nach einer erfolgreichen Vermittlungsaktion zum Ankauf eines Mulis von den Besatzern durch einen Brixentaler Bauern einen mehrwöchigen Erholungsaufenthalt am Bauernhof ein: „Mein Vater wollte kein Geld und bat den Bauern, ob er mich zu sich nehmen könnte, um mich aufzufüttern. Ich habe dann am Hof mitgeholfen und konnte mich endlich einmal satt essen“, erinnert sich Mey, der sich mit den Bauernkindern befreundete und noch heute Kontakt zur Bauernfamilie hat.

Der Zeitzeugenabend bildete den Auftakt zur letzten Museums-Saison in den bestehenden Räumlichkeiten. Mit der Übersiedelung von Musikschule und Stadtmusik ins neue Haus der Musik im Herbst 2019 steht eine Generalsanierung des bestehenden Gebäudes an, das dazu leergeräumt werden soll. Die Bevölkerung ist herzlich eingeladen, von den Öffnungszeiten bis Ende September jeweils dienstags und samstags von 9:30-11:00 Uhr Gebrauch zu machen und mit dem umfangreichen historischen Wissen von Museumsführer Hans Gwiggner in die Wörgler Geschichte einzutauchen.